Friese-Orgel (1862) in St. Laurentius und St. Katharina  Rostock-Toitenwinkel (Mecklenburg-Vorpommern)
Friese-Orgel (1862) in St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel (Mecklenburg-Vorpommern)

„Jetzt ist der richtige Zeitpunkt“

„Orgel des Monats März 2026“ in Rostock-Toitenwinkel

Er steht mitten auf einem zugefrorenen See bei Muurame in Mittelfinnland. Professor Thomas Luschtinetz hat eigentlich Urlaub, aber wenn es um die Orgel in der Kirche St. Laurentius und St. Katharina in Toitenwinkel geht, ist er sofort zum Telefongespräch bereit. Ja, sagt der Ingenieur und Hochschullehrer, gern soll die dringend nötige Sanierung des Instruments in diesem Herbst beginnen. Der kirchliche Förderverein, dem er vorsteht, bemüht sich nach Kräften, dass nach der Instandsetzung der Kirche auch die Orgel wieder in Schuss gebracht wird; „die Gemeinde ist sehr aktiv“, betont Luschtinetz.

Friedrich Friese III, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der bedeutendste Orgelbauer in Mecklenburg und von Großherzog Friedrich Franz II zum Hoforgelbauer ernannt, schuf das Instrument in Toitenwinkel im Jahr 1862. Erst seit der Jahrtausendwende wird die Orgel mit dem nordisch schlichten Prospekt wieder jährlich gewartet; inzwischen sind viele Teile des Werkes, insbesondere Blasebalg und Winderzeuger, verschlissen; auch eine umfassende Holzwurmbehandlung und Reinigung sind notwendig. Im Zuge der Arbeiten ist außerdem eine teilweise Rückführung auf die von Friedrich Friese vorgenommene Stimmung der Orgel geplant. Etwa 82.000 Euro werden die Maßnahmen kosten. Die Stiftung Orgelklang fördert das Vorhaben, eine Projektspende inklusive, mit 9.000 Euro. 

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

St. Laurentius und St. Katharina Rostock-Toitenwinkel

auf der Landkarte anzeigen

Toitenwinkel ist eigentlich ein Dorf, dass erst 1950 nach Rostock eingemeindet wurde. In den 1980er Jahren wurde es durch den Bau eines großen Wohngebiets in Plattenbauweise erweitert, um dem Wohnraumbedarf der wachsenden Hafenstadt in der DDR gerecht zu werden. Zum Gottesdienst kommen rund 100 Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Stadt. Das Interesse für die Gemeinde und ihre Orgel ist auch jenseits der Gemeindegrenzen groß. Das gilt sogar für die jüngere Generation. Da sind zum Beispiel die Schulen im Stadtteil und das nahe Musikgymnasium, berichtet Thomas Luschtinetz. „Bei Führungen von Schulklassen zeigen wir die manuelle und elektrische Winderzeugung und öffnen das Innere des Instruments, sodass die Kinder die Komplexität und Qualität sehen und begreifen.“ Und dank der Rostocker Hochschule für Musik und Theater wollen wir verstärkt kammermusikalische Konzerte mit Studierenden in der Kirche geben – „noch ohne die Orgel“, betont Thomas Luschtinetz. Er weiß, wie sehr solche Konzerte helfen, das Bewusstsein dafür wach zu halten, dass in der Kirche ein großer Orgelschatz zu heben ist.

Neben einem intakten Instrument braucht es natürlich auch Menschen, die es spielen können. Organistinnen und Organisten sind Mangelware, „hier wie überall“, weiß Luschtinetz. Der Ingenieur hat diesbezüglich eine besondere Wunschvorstellung: Er hofft, Jugendliche dafür begeistern zu können, statt auf einem Keyboard auf der Orgel zu spielen. „Das klingt einfach ganz anders als im Wohnzimmer!“

Ein berühmtes Vorbild für künftige Orgelspieler könnte die Pianistin Veronica Jochum von Moltke sein. Wie viele andere Mitglieder ihrer Familie, die dem mecklenburgischen Adel entstammt und deren Nachfahren bis 1781 das Gut in Toitenwinkel besaßen (dessen Gutshaus 1973 von der SED gesprengt wurde), hat die Schwägerin des berühmten Widerstandskämpfers Helmuth James Graf von Moltke eine enge Beziehung zur Dorfkirche, weiß Thomas Luschtinetz. Neben vier Benefizkonzerten gab sie auch zum Abschluss der Gewölbesanierung im Jahr 2003 eine Kostprobe ihres Könnens und begleitete den Festgottesdienst auf der Orgel.

Auch den Hochschullehrer Luschtinetz selbst verbindet eine längere Geschichte mit dem Instrument aus der Friese-Werkstatt.  der 1990er Jahre habe man in der Gemeinde überlegt, die Kirche aufzugeben („es gab eine Luftfeuchtigkeit von 95 Prozent!“). Nach der ersten Notsicherung habe er damals mit einem musikalischen Freund zusammen das Innere der Orgel untersucht. „Wir fanden eine tote Motte, verrutschte Pfeifendeckel und so einiges andere mehr“, erinnert er sich. Aber: Die Männer bewerkstelligten „eine gewisse Grundstimmung“ des Instruments. Daraufhin konnte die Orgel zu Weihnachten 1998 wieder gespielt werden. Das war ein wichtiger Wendepunkt in St. Laurentius und St. Katharina: Die Kirche wurde weiter saniert, die Orgel – zunächst notdürftig – instandgesetzt. „Nach Abschluss all der Bauarbeiten 2023 ist jetzt der Zeitpunkt, sie gründlich zu restaurieren und für zukünftige Generationen fit zu machen“, meint Thomas Luschtinetz. „Und wenn man eine solche Verbindung und Geschichte mit dieser Orgel und Kirche hat, entwickelt man eine gewisse Beharrlichkeit, dieses Projekt umzusetzen“, sagt er zuversichtlich auf dem finnischen Eis stehend. „Das lebt in einem.“