Walcker-Orgel von 1908 in der Großen Kirche Bonn-Oberkassel
Walcker-Orgel von 1908 in der Großen Kirche Bonn-Oberkassel

Die Rehabilitierung einer romantischen Königin

„Orgel des Monats November 2021“ in Bonn-Oberkassel

Die Zahlen 966, 967 und 969 sind schon weg. Wer eine davon wählen wollte, muss sich aber nicht grämen: Es gibt noch genügend andere, die 968 zum Beispiel oder die 970. Insgesamt 1408 Nummern stehen zur Auswahl, ordentlich in langen Reihen aufgelistet und farblich ihrer jeweiligen Kategorie zugeordnet. Ja, hier geht es um (das große) Geld! Und nein, es geht nicht um Lotto oder Bingo, und eigentlich gewinnt man auch „nur“ mittelbar: Pfeifenpatenschaften ist das Stichwort. Wer die Sanierung der historischen Walcker-Orgel in der Großen Evangelischen Kirche in Bonn-Oberkassel (Nordrhein-Westfalen) unterstützen will, kann auf der entsprechenden Internetseite beispielsweise 100 Euro für ein Cis (des Registers „Voix celeste 8‘“) geben oder 1000 Euro für ein G (des „Octavbass 8‘“). Der Gewinn dieser Gabe ist zunächst nur ideeller Natur.

Vor gut einem Jahr wurden diese Pfeifenpatenschaften ins Leben gerufen, berichtet Stefanie Ingenhaag, gerade passend in der Pandemie-Zeit und kurz vor Weihnachten. „Auf Anhieb konnten wir rund 20.000 Euro an Spenden verbuchen“, berichtet die Kantorin der Kirchengemeinde. Die Patenschaften liefen gut weiter (mehr als 66.000 Euro zeigt das Spenden-Barometer inzwischen), trotzdem kommt mit dem ersten Benefiz-Konzert am Wochenende rechtzeitig „ein neuer Schub für den Herbst“, meint Ingenhaag. Denn nicht nur im Zwischenmenschlichen, auch in der Verbindung zwischen Mensch und Orgel ist die physische Ebene von großem Wert. Wohl auch deshalb haben die junge Kantorin und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter beim „Tag des offenen Denkmals“ im September viele Interessierte in der Kirche „ausdrücklich an der nicht vorhandenen Orgel vorbeigeführt“.

Zeitraffer-Video vom Orgelabbau

Die Firma Orgelbau Weimbs hat vom 8. bis 10. Februar 2021 die alte Walcker Orgel abgebaut und auch die historischen Walcker Pfeifen aus der Peter-Orgel ausgebaut. Die Arbeiten dokumentiert eindrucksvoll das Zeitraffer-Video.

auf der Landkarte anzeigen

Was ist das für ein Instrument, das bei so vielen Menschen Interesse weckt und Geldbeutel öffnet? Ein „musikalisches Kleinod“ und eine „absolute Rarität“ nennt der Orgelsachverständige der rheinischen Landeskirche das Walcker-Werk. „Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Romantik eigentlich nicht mehr in Mode“, weiß Stefanie Ingenhaag, „daher sind Orgeln wie die unsere wirklich selten.“ Die Geschichte der „Orgel des Monats November 2021“ ist in jedem Fall eine besondere: Vor mehr als hundert Jahren, 1908, wurde die Große Kirche in Oberkassel fertiggestellt; im gleichen Jahr fertigte die Firma E.F. Walcker aus Ludwigsburg die zweimanualige Königin der Instrumente, die auf der vorderen Empore über dem Altar ihren Platz fand. Wie Altar und Kanzel sollen die Pläne für das Gehäuse des Instruments von dem Architekten Otto March stammen; das Ensemble bildete eine ästhetische wie auch eine „Verkündigungseinheit“.

Als nach einigen Jahrzehnten treuen Klingens eine gründliche Renovierung anstand, entschied sich die Gemeinde nach einigem Hin und Her dafür, 1975 auf der hinteren Empore eine neue Orgel errichten zu lassen. Und als sei dies nicht Demütigung genug, wurde dem altgedienten Walcker-Instrument ein Großteil des Pfeifenwerks entnommen und in diese neue Orgel eingebaut. Immerhin: Das Gehäuse und viele andere Bestandteile blieben aus denkmalpflegerischen Gründen – und der besagten „Verkündigungseinheit“ wegen - an ihrem Platz.

„Für uns heute ist es ein großes Glück, dass so viel von der Walcker-Orgel erhalten ist“, sagt Stefanie Ingenhaag. Denn nachdem die neuere Schwester auf der hinteren Empore ebenfalls schwächelte - die Elektrik wurde zum Brand-Risiko – und vor zwei Jahren stillgelegt wurde, dreht sich in der Großen Evangelischen Kirche nun wieder alles um das ersterbaute Instrument: Die entnommenen Pfeifen kehren zurück, was im Laufe der Zeit verlorenging (wie etwa der Spieltisch), wird originalen Vorbildern entsprechend rekonstruiert, was in der historischen Orgel ungenutzt überdauerte, restauriert. Das mag überzeugend klingen, eine einfache Aufgabe aber ist es nicht. Rund 490.000 Euro werden die Maßnahmen kosten. Die Stiftung Orgelklang fördert den diesjährigen Bauabschnitt mit 3.000 Euro.

Inzwischen weilt das Walcker-Opus in der Werkstatt. Atemberaubend schnell vollzog sich der Abbau der Königin - zumindest wenn man sich das Video im Zeitraffer anschaut, das die Gemeinde auf ihrer Internetseite zeigt. Aber auch ohne technische Tricks geht die Arbeit des Orgelbauers gut voran, sagt die Kantorin. Drei Mal haben Mitglieder der Bonner Gemeinde „ihr“ Instrument in der Werkstatt in der Eifel schon besucht und sich ein Bild von Sanierung und Restaurierung gemacht. Nächstes Jahr um diese Zeit, hofft Stefanie Ingenhaag, werden die Oberkasseler ihre Orgel nicht mehr anderswo aufsuchen müssen. Dann wird der „warme, weiche und tragfähige Klang“ des Instruments wieder für alle Zuhörerinnen und Zuhörer in der Großen Evangelischen Kirche zu hören sein. (Und die Verkündigungseinheit zu spüren.)